PepperBlog und Rikscha Taxi

13.04.2012 07:48 von rikschataxi_bern

12. APRIL 2012

Fertig gestolpert

 

Es begann mit Stolpersteinen. Zuerst mit echten, dann mit finanziellen und schliesslich mit bürokratischen. Doch nun hat Rikscha Taxi Schweiz endlich Fahrt aufgenommen. Das junge Unternehmen macht Taxifahren zu einer coolen und ökologischen Sache.
 
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Text: Reto Wüthrich
(erschienen in ecoLife 02/2012)
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«Ein so gutes Gefühl wie jetzt hatten wir noch nie», sagt Pascal Nydegger und schaut dabei mit einem entspannten Lächeln zu Chantal Monnier. Sie nickt. Die beiden sitzen in einem Raum mit grün bemalten Wänden an einem Tisch zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank. Das sind zwei enorm wichtige Geräte, wenn man gerade ein Unternehmen aufbaut. Vor einiger Zeit wurde in diesen Räumen etwas ausserhalb des Zentrums von Bern mit Motorrädern gehandelt. Nebenan betreibt der Autovermieter Avis eine Filiale. Nydegger, Monnier und ihr Geschäftspartner Bernhard Wyss hingegen stecken Zeit, Geld und Leidenschaft in ganz andere Gefährte: in Rikscha-Taxis. 2008 haben sie den Einfall dazu gehabt. 2009 eine Firma gegründet. Wenig später wäre die schöne Geschäftsidee beinahe eingestürzt wie ein Kartenhaus.
 
Feuer und Flamme
Die Firmengeschichte ist am Anfang gespickt von Stolpersteinen. Wobei: Ganz am Anfang noch nicht. Da war vor allem viel Euphorie. Der heute 30-jährige Pascal Nydegger führte seinerzeit ein Unternehmen für Sportbekleidung und war auf der Suche nach einer schlauen Werbeidee. Bei einem Brainstorming kam der Geistesblitz: Werbung auf Rikscha-Taxis. Die Dinger sind sympathisch, ökologischer als Autotaxis und zumindest für den Fahrer oder die Fahrerin auch eine sportliche Angelegenheit. Das passte.
Es passte sogar so gut, dass Nydegger sich mit seiner Kollegin Chantal Monnier hinsetzte, um ein Konzept für einen eigenen Taxibetrieb mit Rikschas zu entwickeln, wobei die Verschalungen als prominente Werbeflächen dienen sollten. Als sie davon dem Chef des Hotels Best Western in Bern erzählten, war dieser sofort Feuer und Flamme. Er stimmte zu, ein Rikscha-Taxi mit dem Logo des Hotels zu beschriften. Also kauften die Jungunternehmer bei einem Hersteller in Deutschland ein entsprechendes Fahrzeug und legten los.
Doch nun kam der erste Stolperstein. Ein echter. Wer die Altstadt von Bern kennt, weiss, dass dort viele Pflastersteine verlegt sind. Nach einigen Fahrten drohte die Rikscha in ihre Einzelteile zu zerfallen. Nydegger und Monnier hatten zwar feste Jobs und somit ein geregeltes Einkommen neben den Rikscha-Taxis. Sie arbeiteten auch mit schlanken Strukturen. Doch dass kurz nach dem Start schon wieder Investitionen für ein neues Fahrzeug nötig waren, riss ein tiefes Loch in die Kasse.
 
Drohender Konkurs
«Das war schon mal ein turbulenter Anfang», blickt Nydegger auf diese Zeit zurück. Aber es kam dann ja noch viel dicker. Immerhin: Mit dem Berliner Rikscha-Hersteller Veloform fand sich vor gut zwei Jahren der ideale Partner, der mit seinen «City Cruiser»-Modellen genau das lieferte, was sich die drei Schweizer Jungunternehmer gewünscht hatten: ebenso robste wie stilvolle Rikscha-Taxis.
Damit baute das Jungunternehmen seinen Betrieb nun aus, heuerte Fahrerinnen und Fahrer an und expandierte nach Zürich. Doch als die Rikscha-Saison letzten Frühling gerade anrollte, stand die gesamte Flotte auf einmal still und das Unternehmen schon wieder kurz vor dem Konkurs.
Dieses Mal wegen eines bürokratischen Stolpersteins: Das Bundesamt für Strassen (Astra) hielt fest, dass Rikschas nicht als Fahrräder immatrikuliert werden dürften, sondern als Kleinmotorräder gälten. Denn sie seien dreirädrig, fast ein Meter breit und verfügten zur Tretunterstützung über einen Elektromotor mit 250 Watt Leistung. Aber die Anmeldung als Töff plus die Taxilizenzen sprengten das Budget von Rikscha Taxi Schweiz. Hinzu kam, dass kaum eine Fahrerin oder ein Fahrer aus dem Team über einen Roller-Fahrausweis verfügte. Und noch schlimmer: Als Kleinmotorrad hätten die Rikschas nicht mehr in den Füssgängerpassagen der Innenstädte fahren dürfen – also genau dort, wo das Geschäft zu machen ist.
 
Wellen der Liebe
Ganz so glasklar war die Sache mit dem Gesetz allerdings nicht. In unzähligen Tests und Gesprächen mit Verkehrsexperten war die Rikscha mal ein Velo, mal ein Töff und mal ein Töffli, denn eine eindeutige Kategorisierung gab es bis dahin schlichtweg nicht. Selbst die Fachleute beim Astra waren zwar sehr engagiert und hilfsbereit, letztlich aber auch uneinig. Nydegger und seine Crew fürchteten den totalen Stillstand und ein ewiges Gerangel um Paragrafen.
Sie setzten sich hin, schrieben einen leidenschaftlichen Brief und schickten diesen an alle Mitglieder des Ständerats, des Nationalrats und gleich auch noch an die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard. Parallel dazu gelangte die Geschichte in die Medien. «Beamte bremsen Velo-Rikschas aus», titelte etwa der «Blick am Abend». Das löste eine Sympathie- und Solidaritätswelle aus. Bekannte Politiker wie FDP-Präsident Fulvio Pelli forderten eine rasche Lösung: «Diese Jungunternehmer müssen gefördert und sollen nicht von behördlicher Bürokratie behindert werden», liess er verlauten.
 
Happy End
Von da an ging es erstaunlich schnell: Bundesrätin Leuthard erkannte das Problem und beauftragte das Astra letzten Mai mit der Ausarbeitung einer Art «Lex Rikscha». Am 23. Juni 2011 verschickte das Bundesamt eine offizielle Mitteilung unter dem Titel: «Erleichterungen für Elektrofahrzeuge». Darin war zu lesen, dass diese ab sofort für mehrspurige Fahrzeuge wie dreirädrige Rikscha-Velotaxis gälten. In der neuen Verordnung steht, dass die Rikschas zwar den Kleinmotorrädern zuzurechnen seien. Doch wenn die Höchstgeschwindigkeit mit elektrischer Tretunterstützung 25 km/h, das Gesamtgewicht 450 Kilo und die Motor-Dauerleistung 2 Kilowatt nicht überschreiten, brauchen die Gefährte zum Beispiel kein Abblendlicht, die Fahrenden keinen Töff-Ausweis, und das Befahren von Radwegen ist erlaubt.
Damit war für alle Schweizer Rikscha-Unternehmen das Überleben gesichert – und es herrschte, nebenbei erwähnt, endlich Gleichstand mit den Rikschas in rund 40 anderen Ländern dieser Welt inklusive der gesamten EU. Die letzte Saison konnte damit in extremis noch gerettet werden. Dieses Jahr geht es nun seit dem warmen Frühlingsbeginn so richtig zur Sache. Die Rikschas sind unterwegs, sorgen für lächelnde Fahrgäste, zufriedene Werbepartner und beim Berner Unternehmen für einen florierenden Betrieb. Jetzt werden zügig Franchise-Lizenzen in andere Schweizer Städte vergeben (Basel läuft bereits, Luzern und Genf sollen als nächstes folgen). Und Nydegger hat wirklich allen Grund zur Aussage: «Ein so gutes Gefühl wie jetzt hatten wir noch nie.»
 

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